Etappe 1 – Der Weg der Prüfung. (Neu überarbeitet)

21.05.2014, 25 Kilometer von Saint Jean Pied de Port bis nach Roncesvalles. Nichts würde dem widersprechen, diese Etappe den Weg der Schmerzen zu nennen, es war aber entschieden mehr.

Obwohl ich sehr müde von meiner Anreise war, das 2 Meter mal 1,5 Meter kleine Schlafwagenabteil, in das 6 Menschen gequetscht wurden, ließ keine ruhebringenden Schlafzyklen zu, konnte ich auch hier keinen langen und kräftespenden Schlaf finden. Mag sein, dass es auch an den Regentropfen lag, die ständig an das mit einem Spalt gekippte Fenster klopften. Oft wirken solche Geräusche beruhigend auf einen, aber diesmal nicht. Es machte mir Angst. Nichts erschien mir schlimmer, als die erste Wegstrecke über die Pyrenäen, im Regen anzutreten. Glücklicherweise war der Regen verschwunden, in den Morgenstunden. Es fiel kein Wasser mehr vom sich nun ins Weiß verfärbenden Himmel und um 7:45 betrat ich dann den Camino Frances, das erste Mal. Das zweite Mal um 8:20 Uhr, denn ich hatte vergessen meinen Pilgerpass zu stempeln. Ich bemerkte es noch rechtzeitig, gleich nachdem ich durch das Stadttor hindurch, den gelben Pfeilen nach oben folgte. Jetzt baumelt auch eine Jakobsmuschel auf meinem Rucksack und ich bin nun ganz Pilger.

Als vermutlich letzter der Pilger die heute diese Reise antreten, ist es mir zunächst geboten nach den Wegweisern zu schielen. Nach 30 Minuten sehe ich die ersten Leute vor mir. Es sind meine Bettnachbarn von letzter Nacht. Ein blondes Mädchen, vielleicht gerademal 20 Jahre alt, ein junger Bursche, auch nicht älter und ein Mann um die dreißig. Er hält eine riesige Kamera im Arm und filmt die beiden beim Gehen. Der Mann ist vom dänischen Fernsehen und begleitet die zwei an ihren ersten Tagen auf dem Camino. Die Fernsehanstalt ist klein und mehr als drei Tage sind nicht drin, erklärt er mir. Die beiden gehen aber noch bis Burgos, also das erste Teilstück, von in etwa 2 Wochen. Das Mädchen hat einen schweren Lungendefekt. Gestern Abend hatte ich noch geschmunzelt darüber, da ich dachte, der Junge und sie sitzen mit einer Wasserpfeife im Bett. Es war aber eine Apparatur die ihr beim Atmen half. Nun Bewundere ich das Mädchen mit den verklebten Lungen und es fällt mir schwer, sie hinter mir zurückzulassen.

Es fängt zu regnen an, zuerst nur leicht, aber der Regen wird stärker und ich suche nach meinem Regenponcho. Als Laie was Wanderungen betrifft, habe ich ihn natürlich inmitten meines Rucksackes verstaut, was sich nun als sehr dumm herausstellt. Ich schaffe es, den Poncho noch rechtzeitig über mich zu streifen, bevor ich völlig durchnässt bin. Immer steiler wird es jetzt und ich überhole der Reihe nach Pilger. Zum Teil stehen sie am Wegesrand und schnappen nach Luft. Hier kommt mir meine Heimat zu Gute und ich trage auch nur mein Normalgewicht mit mir, abgesehen von den 12 Kilogramm auf meinem Rücken. Nicht so bei den Leuten die ich überhole, manche schleppen viele Pfunde auf ihrem Körper mit sich und quälen sich regelrecht hoch. Nach 7 Kilometern erreiche ich die Albergue Orrison. An die 25 Pilger haben sich hier versammelt. Ich nütze die Gelegenheit für einen heißen Kaffee. Es hat auch zu regnen aufgehört und Wolkenteppiche schmücken das unter mir liegende Tal. Weiter geht’s auf einer asphaltieren Straße, gemäßigt aufwärts. Laut Reiseführer habe ich den stärksten Anstieg hinter mich gebracht. Dunkle Wolken schieben sich vor mir über dem nackten Bergmassiv zusammen und immer heftiger drückt mich der Wind in den Weg. Regentropfen klatschen erneut auf den Asphalt. In der Ferne sehe ich einen Kleinbus. Ein Zelt spannt sich davor, vermutlich ein Ausschank für erschöpfte Pilger. Es gibt mir neue Kraft und ich werde regelrecht von Wind und Regen nach oben gepeitscht. Am Ausschank angekommen, schaffe ich es gerade noch einen Kaffee zu trinken, bevor die Welt untergeht. Mit mir haben zwei Mädchen den Kleinbus erreicht. Das eine weint heftig. Ich finde es steht kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Seine Freundin beteuert dem Mann am Ausschank ein Taxi zu rufen. Er macht es auch. Eine ältere Frau, die sich ebenfalls dort eingefunden hat, versucht das Mädchen zu beruhigen. Der Wind wird zum Orkan, die Regentropfen formen sich zu Eiskristallen und schlagen nun seitwärts auf uns ein. Wir sind ein kleines Grüppchen von fünf Personen. Zu dritt versuchen wir das Vorzelt in seiner Verankerung festzuhalten, während sich die beiden Mädchen an das Fahrzeug kauern. Vergebens, es wird durch die Luft gewirbelt, und es waren dicke Metallstangen, die es festhalten sollten. Immer wieder wickelt sich der Regenschutz um mein Gesicht. Von der Hüfte abwärts ist es nun nasskalt. Ich entschließe mich weiterzugehen, wie auch der Mann und die Frau an meiner Seite. Dem Unterschlupf beraubt macht es keinen Sinn hierzubleiben und auf eine Wetterbesserung zu warten. Im Weggehen blicke ich nochmals auf die neben dem Kleinbus hockenden Mädchen. Bäche formen sich um mich herum. Der Camino hat die befestigte Straße verlassen und führt nun querfeldein über das Gebirge. Das Wetter wechselt hier oben sehr rasch und das Unwetter ist so schnell abgezogen wie es gekommen war. Ich wate jetzt durch knöcheltiefen Schlamm, stoße wieder auf Pilger, von denen keiner etwas von einem Unwetter weiß, außer, dass es stark geregnet hat. Irgendwo hier muss ich den Gipfel des Col de Lepoeder und die Grenze zu Spanien passiert haben. Die nächsten 5 Kilometer geht es stark abfallend bis Roncesvalles. Der Regen hat zur Gänze aufgehört, aber der Untergrund ist unheimlich glitschig.

Um 16:00 Uhr bin ich schließlich in Roncesvalles, das mehr oder weniger nur aus einem Kloster besteht. Ein riesiges Refugio mit 180 Betten. Die Schlafsäle erstrecken sich über drei Etagen und sind vor kurzem neu saniert worden. Ich komme als 135er Pilger, der heute eintrifft, in der obersten Etage unter, das bemerke ich an den dicken Dachbalken die den Raum nach oben hin begrenzen. Nach jeweils zwei Betten, links und rechts im Saal, befindet sich ein brusthoher Raumteiler. Er sorgt für mehr Privatsphäre und jedes Bett verfügt über einen verspeerbaren Spind sowie zwei Steckdosen. Im Keller befindet sich eine Waschküche, im Erdgeschoß ein Raum für die Schuhe; ein betreten der anderen Räume ist mit dem Schuhwerk verboten und eine Küche. Ich bezahle 10,00 Euro, mein Pilgerpass erhält den nächsten Stempel, ich wasche meine verdreckte Jeans, mein durchnässtes T-Shirt und Hemd, per Hand, die beiden Waschmaschinen sind restlos ausgebucht und dann auch noch mich selbst. Das Refugio wird ehrenamtlich von einer Gruppe Holländer geführt, sie wechseln sich in einem mehrwöchigen Zyklus ab. Die Sonne hat es geschafft, eine Lücke in das Wolkenfeld zu reißen und ich stelle meine nassen Schuhe in den Innenhof des Klosters, wie auch der Großteil meiner Mitstreiter. Ich esse vom Baguette, das ich mir heute Morgen in Saint Jean Pied de Port gekauft habe und verringere auch den Vorrat an Trockenwurst, ein Mitbringsel von zu Hause. Ich lasse den heutigen Tag nochmals Revue passieren, indem ich eine Zusammenfassung darüber auf meine Homepage stelle, untermalt mit Fotos.

Die Erkenntnis des Tages: Der Camino prüft die Seinen.

Tag 2: Zubiri

Die nachfolgenden Bilder sind in der Reihenfolge der Aufnahme gelistet, also dem Wege von Saint Jean Pied de Port bis nach Roncesvalles.