Etappe 20 – Der Weg der Trennung. (Neu überarbeitet)
09.06.2014 – 19 Kilometer von Mansilla de las Mulas bis nach Leon. Es ist trocken, gelegentlich begleitet mich die Sonne und die Temperatur liegt bei angenehmen 18 bis 20 Grad Celsius.

 

Der gestrige Abend klingt noch ein wenig nach. Kristi und Sherri bewundern immer noch meine musikalischen Darbietungen auf der Gitarre, auch wenn ich es selbst differenzierter sehe. Ich genieße aber die Schmeicheleien der beiden, auch im Bewusstsein der bevorstehenden Trennung und es hätte kein schönerer Abschied werden können. Wir waren an die 14 Personen, quer durch die Kontinente, ein glanzvoller Höhepunkt auf meiner Reise. Gina und Chris sind auch heute wieder früher aufgebrochen, aber Sherri, Kristi und ich gehen die letzten Kilometer bis Leon gemeinsam. Für den Abend haben wir uns vorgenommen noch einmal gemeinsam zu speisen. Die Etappe ist kurz und ohne Höhepunkte, die Landschaft betreffend. Auch sonst geschieht nicht viel, abgesehen von der Bewunderung die mir meine Begleiterinnen entgegenbringen. Fast ist es mir schon peinlich aber ein wenig genieße ich es schon.

Die Nacht werde ich alleine verbringen. Meine liebgewordenen Freunde, als Familie haben wir uns gesehen, schlafen heute im Parador Hotel. Die Luxushotelkette in Spanien schlechthin und auch hier wird den Pilgern entgegengegangen, mit einem Sonderpreis von 120,00 Euro pro Doppelzimmer und Nacht, also 60,00 Euro pro Person. Ich kann es mir dennoch nicht leisten und abermals hat der Camino eine Überraschung parat. Als ich mit Sherri und Kristi in die Innenstadt von Leon gelange, spricht uns eine Frau an. Eine Spanierin, Mitte dreißig und kaum zu verstehen was sie von uns möchte. Schließlich können wir ihre Absichten doch erraten und ich verabschiede mich von meinen Freunden und folge der fremden Frau. Nach wenigen Straßenkreuzungen nur, stehe ich dann vor einem riesigen Wohnkomplex. Die Frau, sie heißt Maria, besitzt darin eine Wohnung und diese möchte sie mir für die heutige Nacht vermieten. Nachdem ich die Wohnung betreten habe, frage ich mehrmals, ob die Wohnung wirklich für mich alleine ist, sie misst an die 90 Quadratmeter. Si, Si, sagt Maria unentwegt, auch als ich mich nochmals nach dem Preis erkundige und sie deutet den Betrag auch noch mit ihren Fingern - 15,00 Euro. Ich kann es kaum glauben, die Räume sind sehr schön. Sie zeigt mir noch Zeilen des Dankes auf Zetteln geschrieben, auch in Deutsch, in der Schublade der Kommode. Den Schlüssel soll ich morgen früh dort hineinlegen, wenn ich das Haus verlasse. Die Tür fällt ins Schloss, demonstriert sie mir noch und ich gebe ihr die 15,00 Euro und bedanke mich.

Am Abend gehe ich dann zu unserem ausgemachten Treffpunkt, an der Kathedrale von Leon. Ich habe Zeit und nutze sie mit einer elektronischen Führung durch das Kirchengebäude. Das Tonbandgerät lässt sich in verschiedene Sprachen einstellen, auch Deutsch. Für 19:30 Uhr haben wir uns verabredet, etwas früher wenn es möglich ist. Also spaziere ich bereits um 19:00 Uhr vor der Kathedrale auf und ab. Mitunter gehe ich tiefer in die Fußgängerzone hinein und halte Ausschau nach Lokalen, für das anstehende Abendessen. Es ist 20:00 Uhr und niemand von meiner Familie ist zu sehen. Ich setze mich an einen der Tische an der Straße, die zu einem Restaurant gehören. Zuvor versichere ich mich noch des kabellosen Internetzugangs. Ich habe meinen Tablet PC bei mir und logge mich auf meiner Homepage ein. Da ist auch schon eine Nachricht von Sherri, die zum Ausdruck bringt, dass alle im Parador zu Abend essen und ich unbedingt kommen solle. Es ist spät, das Hotel liegt eine halbe Stunde Fußmarsch entfernt und meine Wohnung befindet sich auf der anderen Seite der Stadt. Ein etwas trauriger Abschied, setzt sich mir aufs Gemüt. Vielleicht treffe ich morgen Chris nochmals. Sherri und Kristi bleiben noch einen weiteren Tag in Leon und Gina wartet hier auf ihre Mutter, um dann mit ihr den Weg gemeinsam zu Ende zu gehen. Ja, ein wahrhaft trauriger Abschied, wäre da nicht gestern die Party bei der Albergue in Mansilla gewesen und in Gedanken daran verfliegt die Nacht.

Erkenntnis des Tages: Sei glücklich über das Gegebene und traure nicht um das Verwehrte.

Tag 21: Hospital de Orbigo