Etappe22 – Der Weg der Grenzen.
11.06.2014 – 40 km, von Hospital de Orbigo bis Rabanal del Camino. Wolkenlos bei über 30 Grad. Ständig ansteigendes trockenes Gebiet.

Um 7.30Uhr, also etwas früher als sonst, beginne ich meine heutige Etappe. Mein Tagesziel ist Rabanal del Camino und morgen möchte ich bis Ponferrada gehen, dann habe ich seit Leon, eine Etappe gut gemacht und bin wieder im Zeitlimit. Obwohl es am Morgen noch etwas kühl ist, wird es der bisher heißeste Tag am Camino. Ich versorge mich mit ausreichend Wasser und Proviant, um nicht zu viel Zeit an den vermutlich wenigen Bars und Shops auf dieser Strecke, mit Anstellen zu vergeuden. Eine trockene Landschaft begleitet mich, eigentlich, so wie ich es liebe.

Um 11.15Uhr bin ich in Astorga, eine sehr schöne Kleinstadt mit 11.000 Einwohnern. Während ich hier 2 Nektarinen verzehre und meine Wasserflasche nachfülle, ist Astorga für viele bereits der Endpunkt der heutigen Etappe. Nicht für mich, ich habe noch 22 km vor mir. Ich erhole mich ein wenig während ich einen Teil der Stadt mit meiner Kamera digitalisiere und weiter geht es den gelben Pfeilen entlang. Ich begegne nur wenigen Pilgern. Den Pilgern die bis Astorga gehen, war ich voraus und den Pilgern die sich auf der vorgegebenen Etappe bis Foncebadon befinden, bin ich weit hinterher. Rabanal liegt nicht als Zielpunkt in den diversen Reiseführern und so denke ich, auch zu meiner etwas späten Ankunftszeit, noch ein Bett zu bekommen.

Ich liebe diese Landschaft, doch die Sonne brennt mir bereits kräftig in den Rücken. Nirgendwo ein leiser Hauch von Wind und nur selten heftet sich Schatten an meinen Weg. Ich bin jetzt froh mir den Pilger Hut gekauft zu haben, er hat eine breite Krempe und schützt so meinen Nackenbereich, zusätzlich zu meinem Kopf. Ich trage nicht das T-Shirt sondern das Hemd, es schützt mit aufgestellten Kragen zusätzlich vor der Sonne, die unbarmherzig auf mich herab brennt. Ich liebe die Sonne, doch jetzt bin ich froh, wenn ich auch nur 20 oder 30 Meter im Schatten gehen kann. Obwohl sich die Unterarme schon an die Sonnenstrahlen gewöhnt haben, beginnen sie zu schmerzen. Ich umwickle meinen linken Unterarm, den hier trifft mich die meiste Sonne, mit meinem T-Shirt.

Ich erreiche Santa Catalina de Somoza. Hier Übernachten die wenigen Pilger die mir seit Astorga noch begegnet sind. Ich überlege kurz hier zu bleiben, es ist 14.00 Uhr. Noch 12 km bis nach Rabanal, ich gehe weiter. Einsam erscheint mir der Camino und die Sonne die ich so liebe, macht mir jetzt sorgen. Ich gehe sorgsam mit meinem Wasser um, es sind kleine Schlucke die ich jetzt zu mir nehme und beinahe sind sie so heiß wie Tee. Ich träume von einem kalten Bier und genieße stattdessen den mehr als warmen Schluck Wasser aus meiner fast leeren Flasche. Ein Wegweiser zeigt 8,5 km bis Rabanal. Ich dachte, bereits mehr geschafft zu haben.

Der Weg ist seit Astorga leicht steigend und macht es dadurch nicht einfacher. Nach El Ganso, ein Dörfchen, das ich gerade verlasse, sind es noch 7,2 km bis Rabanal. El Ganso wirkt wie eine Geisterstadt aus einem Wild West Film. Uralte und zum Teil verfallene Häuser, zeugen von mehr Vergangenheit als Gegenwart. Ich stoße langsam auf meine physischen und psychischen Grenzen. Habe ich mir zu viel vorgenommen? Nach jeder Biegung mit Sicht auf den Cruz de Ferro (1498m), den ich Morgen, nicht heute, überwinden muss, hoffe ich Rabanal zumindest zu sehen. Bei der nächsten Biegung sehe ich Rabanal, eingebettet im vor mir liegenden Bergmassiv, klein und gerade sichtbar. Ich schätze die Entfernung auf 5 km und mobilisiere meine letzten Kräfte. Ich werde Rabanal del Camino gegen 15.45 Uhr erreichen und bin dankbar für jeden Gedanken der mich vorwärts getrieben hat. Ich habe noch so viel Kraft, nach der ersten Herberge die mir nicht gefällt, eine zweite und sogar noch eine dritte zu suchen, wo ich dann bleibe, auch wenn sie mir nicht wirklich zusagt. Ich bin erleichtert hier zu sein, in Rabanal del Camino. Auch wenn ich immer ein kühles Bier vor Augen gehabt habe, dusche ich zuvor, mache die Wäsche, nur das nötigste und suche danach nach einem Shop, denn in der Albergue in der ich untergekommen bin, gibt es nichts zu trinken. Der Shop ist schnell gefunden und ein wahrer Glücksgriff. Es gibt dort eine 1 Liter Flasche Bier, eisgekühlt für 2 Euro. Ich bin glücklich und nehme sie mit in die Herberge, aber nicht bevor ich einen Schluck davon genossen habe. Das Abendessen fällt heute vorzüglich aus. Das Restaurant das ich gefunden habe würde man hier niemals suchen. Ich sitze jetzt zwar alleine am Tisch, aber das Essen ist deshalb nicht schlechter, im Gegenteil es ist ausgezeichnet und günstig. Das Restaurant heißt El Refugio.

Erkenntnis des Tages: Der Wille bringt dich ans Ziel.

Tag 23: Molinaseca

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