Etappe 16 – Der Weg der langen Geraden. (Neu überarbeitet)
05.06.2014 – 20 Kilometer von Fromista bis nach Carrion de los Condes. Sonnenschein von früh bis spät und es wird wärmer.

Der Camino führt mich heute entlang endlos scheinender Geraden. Viele Kilometer lang stellen sie eine direkte Verbindung zwischen zwei Orten dar. Kein noch so kleiner Hügel krümmt ihre Bahn. Ich begegne heute dem dritten Österreicher auf dem Camino de Frances. Es ist Gerd aus Kapfenberg und er schlägt ein rasantes Tempo an. Er ist am 25. Mai in Saint Jean Pied de Port losgegangen, also 4 Tage nach mir und wollte mich soeben überholen. Ich habe den Schriftzug Tirol auf seinem Rucksack gesehen und ihn darauf angesprochen. Er ist ebenfalls alleine unterwegs und möchte am 23. Juni auch schon in Finisterre gewesen sein. Eindeutig zu schnell für mich. Ich lasse ihn ziehen. Gestern habe ich noch Leni kennengelernt, eine junge Wienerin und sie bringt eindeutig mehr Zeit mit. Sie hat ihren Jakobsweg auf dem Camino Nord begonnen, an der Küste entlang. Wegen des schlechten Wetters dort, ist sie mit dem Bus nach Burgos gefahren und geht seither den Camino Frances. Man tritt ständig mit Leuten in Kontakt, auch wenn man von Natur aus nicht der Mensch für schnelle Bekanntschaften ist. Es liegt am Camino, wir haben alle denselben Antritt, wir folgen demselben Weg und diese Gemeinsamkeit lässt uns einander näher kommen. So wie jetzt gerade. Kurz nachdem ich zu Sherri und Kristi aufgeschlossen habe, treffen wir eine vierköpfige Gruppe an einem Rastplatz. Es sind Nina aus Bulgarien, Shuran aus Südkorea, Cock aus Holland und Hector aus Los Angelas. Auch sie sind alleine von zuhause aufgebrochen und haben sich auf dem Camino gefunden, wie so viele, und auch hier sprengt der Altersunterschied die Gesetze. Während Nina und Shuran, Mitte zwanzig sind, ist Hector bereits vierzig und Cock gar schon über fünfzig.

Nach dem kleinen Stelldichein, marschieren wir gemeinsam weiter. Wie zu erwarten war, hat uns die unterschiedliche Schrittfolge bald wieder getrennt. Ich habe auch Sherri und Kristi hinter mir gelassen und bewege mich schnellen Schrittes voran. Die langen Geraden und das herrliche Wetter ziehen mich förmlich ans heutige Ziel. Maria die uns freundlicherweise gestern das Haus überließ, hat für uns auch noch ein Zimmer in Carrion de los Condes klar gemacht. Dort warte ich nun auf meine Camino Familie. Sherri und Kristi sind die ersten die eintreffen und wir machen uns sofort auf, auf ein Glas eisgekühltes „Shandy“. Wir haben auf dem Weg darüber gesprochen, dass wir in Österreich an heißen Tagen, gerne einmal ein Mischgetränk aus Limonade und Bier trinken. Meine Begleiterinnen kennen es unter dem Namen Shandy und auch hier in Spanien nennt man es so. Wir begegnen dabei Steve, bereits ein Glas Bier in der Hand haltend.

Carrion de los Condes ist eine alte Stadt, benannt nach dem Fluss der sie durchfließt. Es ist aber wenig geblieben vom einstigen Zentrum der Tierra Campos, dessen Einwohnerzahl sich Jahr für Jahr verringert. Noch anfangs der sechziger Jahre zählte die Stadt, heute in der Provinz Palencia liegend, noch 3500 Einwohner. Heute sind es nur noch knapp über 2000. Im Mittelalter schwelgte die Stadt im Überfluss. Viele Kirchen und Klöster geben Zeugnis dieser Zeit, auch wenn heute mitunter nur noch Mauerreste zu bewundern sind. Der Abend hat unsere Familie wieder vereint und wir lassen ihn auf einem grünen Streifen am Fluss ausklingen. Wir haben auch nochmals Hector und Cock getroffen und mit Melissa und Jerome neue Bekanntschaften gemacht. Melissa kommt aus den Staaten und Jerome aus Brasilien. Wir sind eine wirklich internationale Truppe. Es macht täglich mehr Spaß hier zu sein.

Erkenntnis des Tages: Lerne Englisch bevor du auf den Camino kommst.

Tag 17: Terradillos de los Templarios