Etappe21 – Der Weg ohne meine Freunde.
10.06.2014 – 34km, von Leon bis Hospital de Orbigo. Es ist der bisher traurigste Tag auf dem Camino.

Wir haben uns gestern Abend leider nicht mehr getroffen und wir werden uns vermutlich auch nie wieder sehen, aber wir werden ganz bestimmt von einander hören, das weis ich. Vielleicht sehe ich Chris nochmals in Santiago, wenn er nicht zu sehr bummelt und vielleicht ist Steve bereits dort. In den ein oder zwei Tagen, die ich mich in Santiago aufhalten werde, ist mit Sicherheit mein Blick auf die ankommenden Pilger gerichtet. Selten hatte ich mit meinen Mitmenschen so viel gemeinsam wie mit euch, auch wenn ihr jetzt im Parador beim Abendessen sitzt und ich wie gewohnt mein Pilgermenu verspeise, heute für 10,50 Euro, so verhalf mir dieser Gedanke zu einem erholsamen Schlaf.

Ich bin heute etwas spät auf den Trail gegangen, es ist bereits 9.00Uhr, als ich Leon verlasse und das obwohl ich mich heute für eine Monsteretappe entschieden habe. 34 km bis Hospital de Orbigo. Wie der Zufall so spielt, treffe ich Gina in der Nähe des Parador Hotels. Wir fallen uns um die Arme, denn es wird vermutlich das letzte Mal sein, dass wir uns sehen, aber wir werden bestimmt von einander hören. Gina bleibt noch einen Tag in Leon und wir machen noch ein letztes gemeinsames Foto. Während ich Leon und Gina verlasse, blicke ich nochmals zurück, in Ginas durch Tränen gerötetes Antlitz. Der Abschied fällt mir nicht weniger schwer als ihr. Chris ist nur 15 Minuten voraus, aber wir begegnen uns heute nicht mehr.

Der heutige Weg führt mich nicht nur durch unschönes und weit reichendes Industriegebiet, sondern entfernt mich auch immer weiter von meinen Freunden. Vermutlich habe ich die heutige Etappe gerade deswegen so lange gewählt, um dem Gefühl der Trennung schneller zu entkommen. Immer wieder sehe ich auf dem Weg Kristi oder Sherri vor mir, vermeintlich. Ich fühle mich ausgesprochen fit und wähle ein schnelles Tempo, so erreiche ich Hospital de Orbigo nach nur 6 1/2 Stunden.

Zuvor treffe ich aber noch auf Juran aus Südkorea, wir haben uns einige Tage zuvor kennengelernt. Soviel Zeit nehme ich mir, um zumindest einen kleinen Teil des Weges mit ihr zu gehen. Sie ist gerade mit ihrem Studium fertig geworden und hofft auf dem Camino den richtigen Fingerzeig für ihr weiteres Leben zu finden. Ich wünsche es ihr und hoffe auch meinen Weg zu finden. Hospital de Orbigo zählt 1000 Einwohner und ist wirklich sehenswert. Ich betrete die Stadt auf einer langen steinernen Brücke und fühle mich in die Vergangenheit zurückversetzt, als wir sechs Pilger vor 1000 Jahren oder waren es 500 Jahre, hier entlang gingen.

Erkenntnis des Tages: Glück und Trauer liegen nah beieinander.

Rückblick auf die ersten 3 Wochen.

Tag 22: Rabanal del Camino