Etappe 19 – Der Weg des Unerwarteten. (Neu überarbeitet)
08.06.2014 – 25 Kilometer von Calzadilla de los Hermanillos nach Mansilla de las Mulas. Der Tag ist bestimmt von einem wunderbaren Wanderwetter. Ab und zu scheint die Sonne und die Temperatur ist angenehm.

Obwohl ich gestern Abend die Bekanntschaft zu Tiffany etwas vertiefen konnte, fühle ich mich leer. Der Abschied von Steve, wenn er auch zu erwarten war, kam dennoch plötzlich und er wirft Schatten voraus. Unser aller Trennung in Leon, morgen.


Sherri und Kristi haben sich jetzt, nachdem sie mit mir gemeinsam in den Tag gestartet sind, inmitten der Bundesstraße auf den Asphalt gesetzt. Ich bemerke es, als ich mich umdrehe, nachdem ich kein Geräusch mehr hinter mir vernommen habe. Die Straße ist mehrere hundert Meter einsehbar und ich achte auf Fahrzeuge die nicht vorhanden sind. Zum Glück, denn für Zurufe wäre die Entfernung zu groß. Die Frauen meditieren soweit ich das erkennen kann. Ich achte noch an die 10 Minuten darauf, ob sich nicht doch ein Fahrzeug auf die Straße verirrt. Schließlich gehe ich alleine weiter, mit dem Gedanken, dass die beiden auch für herankommende Autos, viele Meter weit zu sehen sind.

Habe ich zu Beginn der Reise, meine Mitstreiter kaum aus den Augen verloren, so bin ich jetzt immer öfters gezwungen viele Kilometer alleine zu gehen, ohne auch nur eine Menschenseele zu Gesicht zu bekommen. Die Fassetten des Camino sind Zahlreich und er hält ständig Überraschungen für seine Pilger bereit. So wie jetzt. Genau in der Mitte der staubigen Schotterpiste, nicht etwa am Rande wie man meinen möchte, blickt mir ein Gänseblümchen entgegen. Einsam, unschuldig und mit Zartheit umhüllt, verharrt es hier vermutlich bereits seit Tagen. Und jedem der herankommenden Pilgerfüße war es sichtbar. Niemandem entging sein Antlitz und behutsam gingen sie daran vorüber.

Genauso einsam wie ich den heutigen Weg bestritten habe, gelange ich nach Mansilla. Eine belebte Handelsstadt aus dem frühen vergangenen Jahrtausend. Heute ein Städtchen, aber ebenso lebendig wie damals. Eine Hochzeit findet gerade statt. Besser gesagt, sie ist bereits übergegangen vom zeremoniellen in den feierlichen und trinkfesten Teil. Ich halte Ausschau nach Tafeln mit der Aufschrift „Albergue“, über den Köpfen der Menschen hinweg, die die Gassen verstopfen. Alsbald treffe ich auf Daniel und Martin, mit ihnen sind die beiden blonden Studentinnen und schlussendlich finden wir uns alle in derselben Albergue ein. Meine gesamte Familie, außer Steve, dafür aber noch viele liebgewordene Pilger aus den vorangegangenen Wochen. Es ist ein lauer (Sommer)Abend und die Wärme des Tages hat sich in den Mauern des Innenhofes der Herberge gesammelt. Zum ersten Mal wird der Zeitpunkt des Zapfenstreichs nicht eingehalten. Er verschiebt sich fast um eine volle Stunde. John hat eine Gitarre beim Besitzer der Unterkunft aufgetrieben und gemeinsam singen und spielen wir. Vor zwei Jahren hatte ich begonnen Gitarre zu spielen. Auch wenn ich nicht wirklich ein Talent dazu habe, es macht mir Spaß. So zeigt sich auch der heutige Abend und ich sehe es in den strahlenden Gesichtern von Sherri und Kristi.

 

Erkenntnis des heutigen Tages: Erwarte nichts und du wirst alles erlangen.

Tag 20: Leon


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